Karl-Hermann Schlingensief
Ein Abschiedsabend mit Weggefährten
Begrüßung von Hagen Pfundner

 

 

Karl’s Beitrag und Führung und die langen Schatten
Liebe Weggefährten von Karl Schlingensief, es steht mir weder zu noch bin ich die richtige Person um Karl’s Leistungen, seinen Beitrag zum erfolgreichen Geschäftsverlauf von Roche Pharma in Deutschland entsprechend zu würdigen. Dr. Humer hat dies ja bereits trefflich formuliert, in dem er herausgestellt hat, dass Roche Pharma in Deutschland ohne Karl’s Beitrag und Führung heute nicht so dastehen würde wie dies der Fall ist und dass ich erst einmal aus Karl’s langem Schatten heraustreten muss.

Jetzt habe ich mir mal Gedanken dazu gemacht von welcher Seite die Sonne in den zurückliegenden 17 Jahren geschienen haben könnte, wie sich Karl da aufgestellt hat und wie lange denn die Schatten eigentlich sind?

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Bloß keine Lobhudeleien
Nun, vielleicht sollte ich an dieser Stelle einflechten, dass Karl ausdrücklich (hinter vorgehaltener Hand) gebeten hat, es nicht zu ausführlich und emotional zu machen und bloß nicht mit diesen Lobhudeleien und inflationären Begriffen wie außerordentlich, unerreichbar, wahre Größe usw anzufangen.

Die Nüchterne Erfolgsbilanz
Na dann mach ich mal den Versuch einer nüchternen Zusammenfassung: Karl hat in 17 Jahren dazu beigetragen (wesentlich, entscheidend habe ich mal weggelassen), dass sich Roche Pharma von einem 125 Mio EUR Unternehmen (ca. 2.400 Mitarbeitern) zu einem 1.2 Mrd. EUR Unternehmen (1.100 Mitabeitern) entwickelt hat. Selbstverständlich würde Karl jetzt sofort wieder hinzufügen, dass er ja nur begrenzt für die Entwicklung verantwortlich zeichnet, da er nichts zum Fall der Mauer oder zur Entscheidung Boehringer Mannheim zu akquirieren beigetragen habe oder auch nichts für die erfolgreiche Erforschung und Entwicklung und Zulassung unserer fantastischen Produkte kann.

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Das wäre es dann doch zu einfach gemacht
Ich denke, das wäre es zu einfach gemacht, lieber Karl. Gute Ideen haben und diese in die Tat umzusetzen, das ist es was unternehmerischen Erfolg ausmacht. Du hast Dich nicht mit der Frage aufgehalten wer die Idee zuerst gehabt hat, sondern Dich damit beschäftigt, das neue Geschäftsfeld nach der Öffnung des Ostens zu bestellen oder das neue Geschäftsmodell (Integration von Boehringer Mannheim) im Alltagsgeschäft tauglich zu machen und unsere gereiften wie auch neuen Produkte erfolgreich an den Patienten zu bringen.

Schlichtweg eine (herausragende, besondere) unternehmerische Leistung
Dabei das Geschäft nach den USA und Japan zur drittgrößten und hoch profitablen Pharma Gesellschaft mit einer Wachstumsrate von 30% auszubauen, ist schlichtweg eine unternehmerische Leistung (herausragend, besondere ebenfalls mal weggelassen). Das Geschäft jetzt zu übergeben war nicht Deine freie Entscheidung sondern, wie von Dir selbst beschrieben, von höheren Mächten so bestimmt. Wie dem auch sei, diese Leistung (wiederum ohne unnütze Beiwörter) zu toppen, wird schwer fallen – dafür an dieser Stelle von mir persönlich ein herzliches Dankeschön. Soll nach Deiner Aussage ja auch kein Spaziergang werden.

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Erfolgsfaktoren - kein Erfolgsrezept
Da Karl sich aber – wie wir alle wissen – durch eine harte Schale und ein weiches Herz auszeichnet, hat er mir anlässlich unserer Grundsteinlegung und Stabübergabe ein paar seiner Erfolgsfaktoren in einem Umschlag mit auf den Weg gegeben. Er hat dabei allerdings gleich betont, dass diese noch lange kein Erfolgsrezept darstellen. Sollte wohl heißen, dass ich mich doch noch ein bisschen mehr anstrengen muss, um auch wirklich aus dem Schatten heraustreten zu können.

Was ist noch entscheidend?
Als ich mir diese Erfolgskomponenten (und es sind nicht viele) genauer betrachtet habe - ganz nebenbei und unter uns – das legendäre 7 Gebot von KHS verkündet anlässlich unserer Gesamttagung 1995 in Leipzig – denke jeden Tag daran, dass du gefeuert werden kannst – war nicht auf der Liste, ist mir aufgefallen, dass zwei Komponenten nicht auf seiner Liste standen. Haben Sie eine Vorstellung um welche Erfolgsfaktoren es sich hier handeln könnte?

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Viel-Ehe
1) Der starke Partner und das Verständnis der Familie. Oder anders ausgedrückt, die Viel-Ehe. Frau Schlingensief, Sie haben mir erzählt das Karl zwei Ehen geführt hat – eine mit Ihnen und eine mit Roche. Zum einen ist eine zweite Ehe neben sich zu ertragen keine Selbstverständlichkeit, zum anderen ist die Viel-Ehe auch in Deutschland nicht erlaubt. Dafür, dass Sie permanent das Gesetz gebrochen haben, um Karl den Freiraum zu geben, der anderen Ehe-Verpflichtung nachzukommen, dafür gebührt Ihnen unser ganz besonderer Dank.

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Sich nicht `verbiegen`
2) Sich nicht verbiegen zu lassen und andere nicht verbiegen zu wollen. Ich glaube, das muss hier gar nicht weiter ausgeführt werden. Für mich steht das K in Karl für Klar und Kerzengerade, das A für Aufrichtig, das R für Rückgrat und das L für Let’s do it.

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Damit genug der Lobhudelei. Ich hoffe, ich bin Deinen Anweisungen einigermaßen nachgekommen. Falls nicht, dann hat das etwas damit zu tun, dass ich von Dir gelernt habe, dass eigenständiges Denken auch ein Erfolgsfaktor ist.

Tja Karl, wir haben uns gedacht, dass Deine Weggefährten, die heute hier versammelt sind, einiges zu Tage befördern könnten, was vielleicht Deinem selektiven Gedächtnis entrückt ist. Zumindest ist das heute Abend eine Penalty Free Zone, und wir haben alle aufgefordert, etwas mehr über Dich und die zurückliegenden 17 Jahre zu erfahren. Das heißt, im Laufe des Abends werden wir ein paar Anekdoten und Schoten hören, vielleicht mehr als Dir lieb ist – und wer gut im Austeilen ist, muss auch mal Einstecken können - wie auch immer, wir werden versuchen, dass es nicht zu emotional wird – und wenn doch, dann ist das auch gut so.

Hagen

 



Eine kleine Episode aus unseren Anfängen…

Sich verstehen

Wer kennt sie nicht, die Schwierigkeiten,
die Sprachen einem manchmal bereiten!
Man lernt Englisch im Schulunterricht,
kann auf Altdeutsch manch’ Gedicht,
paukt den Duden im Dauerstress,
besucht Rhetorikkurse bei der VHS .......
..... doch – wie so oft im Leben –
kann’s auch Besonderheiten geben!

Wir stellen uns mal vor, dass vor langer Zeit –
dies beruht auf einer wahren Begebenheit –
ein Mann seinen ersten Arbeitstag hat
und zwar in einer deutschen Stadt.
Er kommt also an seinen Arbeitsplatz,
und beginnt den Tag mit folgendem Satz:
„Guten Tag, mein Name ist Karl Schlingensief –
ich bin ab jetzt der neue Chef!“

Da dieser Mann, so wie man wusste,
den norddeutschen Raum für diesen Job verlassen musste,
und ins tiefste Südbaden gezogen war,
war mir somit auch sofort klar:
„Auch wenn ich langsam und deutlich sprechen würde,
wäre dies für den Mann eine sportliche Hürde
bestimmt würde er viele Ausdrücke überhaupt nicht verstehen
und womöglich von der Firma gleich wieder weggehen!“

Somit war eins sonnenklar –
hochdeutsch wurde gesprochen, wenn der Chef in der Nähe war!
Ich wollte ihm aus Rücksicht den Dialekt ersparen
und nur noch hochdeutsches Wortgut auffahren.
Der Chef kann ja schließlich gar nichts dafür,
er ist halt nun mal nicht von hier!

So sprach ich Hochdeutsch, wann und wo es nur ging -
bis dann an Weihnachten etwas am Christbaum hing.
Mit diesem „Deutsch-Alemannischen“ Wörterbuch“
startete ich den ersten Versuch,
zu definieren, dass nach Ablauf von einem Jahr
alemannisch geredet wird – war ihm das klar?

Das Jahr war erst zur Hälfte vorbei -
welcher Tag es war, ist jetzt einerlei –
fiel mir doch ein, dass sich Besuch angemeldet hatte:
„Oh je, Herr Puppato von Roche Basel steht heute Mittag auf der Matte!!“
Ich war völlig daneben,
musste ich das jetzt auch noch erleben?

Der Gast war ja freundlich und durchaus gerne gesehen -
nur, wie sollte mein Chef ihn jemals verstehen!
Handelte es sich hier doch um das Schweizer Urgestein –
der – und das möge man nun verzeihen –
keines einzigen hochdeutschen Wortes mächtig war!
Au Backe, ich ahnte die Gefahr,
die der Schweizer Besuch mit sich brachte –
was, wenn der Mann meinen Chef auslachte?

Ich beschloss, die Verbindungstüre offen zu lassen
und bei Bedarf mit zwei Kaffeetassen
ins Gespräch hineinzuschneien –
hoffentlich würde mein Chef das verzeihen!
Aber so konnte ich ihm vielleicht übersetzen,
was der Gast da sprach in seinen Sätzen!

Doch was musste ich da hören?
Meinen Chef schien die Sprache überhaupt nicht zu stören!
Beförderte er doch auf jede Frage
die richtige Antwort ganz fix zu Tage!
Ich konnte es schier nicht begreifen,
ja, musste mir fast einen Schrei verkneifen –
wenn er das tiefste Schweizerdeutsch verstand,
solch einen Dialekt aus einem ganz anderen Land –
dann, und dodruff han i gschwore
war er für’s Alemannisch ja gradezue gebore!
„Ab jetzt git’s kai Erbarme meh,
ab jetzt wird alles nur no uff Alemannisch gscheh!“

Und die langi Zit mitnander hätt’s au mol wider bewiese:
Es isch – und so hett’s scho immer ghieße –
nit d’Sproch entscheidend, ob mer sich verstoht,
sondern dass mer mitnander als Team in die selbi Richtig goht.



Ganz herzliche Grüße und lieben Dank für Alles.
Sie waren ein SUPER Chef
Ihre Ingrid Wehrer

Grenzach-Wyhlen, im Juli 2006